Meine eigene Coaching-Ausbildung liegt nun schon ein paar Jahre zurück. Damals hatte ich den Wunsch, in meinem damaligen Job ein besserer Partner an der Seite meiner Kolleg:innen zu sein. Denn gerade dort, wo Teams und Menschen in einer Findungsphase sind, kann Coaching eine gute Unterstützung sein. Eine Unterstützung darin, sich selbst klar zu werden, wo Wege sind. Es hilft dabei, dass Prozesse ins Laufen kommen, Menschen vielleicht aus eigener Unklarheit herauskommen, Dinge können entstehen und wachsen.
Für mich war das ein sinnvoller Schritt.
Die Ausbildung hat mir allerlei hilfreiche Instrumente mitgegeben, die den Coaching-Prozess mit klarer Struktur versehen.
Ich bin daher umso mehr enttäuscht, was die Welt des schnellen Geldes, des schnellen Erfolges und vielleicht des individuellen Geltungsdranges aus dem eigentlichen Coaching gemacht hat. Denn wenn ich schaue, was der Markt bietet, hat doch vieles dessen was präsentiert wird nicht mehr viel mit dem Coaching zu tun. Im Allgemeinen wird es auch gern als „die Coaching-Szene“ bezeichnet.
Ich hatte bereits zwei richtig gute Coaches. Und es wäre schade, wenn die beiden nicht mehr wirken könnten. Aber beide waren klar darin, was ein Coach macht und auch wo die Grenzen liegen.
Nicht alles, was auch im weiteren Sinne gar kein Coaching ist, ist schädlich.
Nicht alles ist überteuert.
Aber dann gibt es eben auch die sogenannten Coaches, die jede gute Coachingpraxis ins Absurde führen. Da wird unwissend „rumtherapiert“, da wird unterrichtet, beraten, da werden Konzepte verkauft, da gibt es Online-Frontalunterricht gegenüber 100+ Menschen. Und ich frage mich oft, was daran Coaching im engeren Sinn ist.
Es werden mitunter Menschen invalidiert, die traumatische Erfahrungen gemacht haben. À la: „Du musst nur richtig xy machen“, „du hast dir das falsch manifestiert“, „du bist mit dieser Aufgabe (mit Blick auf ernsthafte Krisen) auf die Welt gekommen“ oder so’n Scheiß. Da bin ich raus, gleich wenn ich eine gewisse Verbindung zu Spiritualität habe.
Für mich war es immer klar, dass ein Coach eine Art „Geburtshelfer“ ist für das, was ohnehin bereits im Coachee vorhanden ist. Da braucht es einiges an Softskills und eine gute Fragepraxis.
Ich als Coach kann (und möchte) nicht:
Heilsversprechen geben, ich kann nicht ein universelles Konzept als Patentrezept über alle Menschen stülpen und das Coaching nennen, ich kann auch nicht sagen: das hat mir geholfen, das hilft auch Dir.
Natürlich kann ich über meinen eigenen Weg berichten, ihn erläutern. Aber das ist nicht das eigentliche Coaching. Das ist ein Erfahrungsbericht. Und ja, wenn Menschen ähnliche Krisen durchlaufen haben, fühlen sie sich aufgefangen, denn es suggeriert ein Verstehen. Das ist nicht verwerflich, solange der Weg des Coachees ein anderer und eigener sein darf.
Pauschale Rezepte ignorieren die Individualität eines jeden Coachees vollständig.
Heilsversprechen: Es gibt keine Wunder a la in zwei Wochen strotzt Du von Selbstbewusstsein, es gibt keinen „Turbo“ Und es ist definitiv nicht der Auftrag eines Coaches zu therapieren.
Das ist anmaßend, gefährlich und kompetenzüberschreitend.
Falls der Coach eine entsprechende therapeutische Ausbildung hat, ist glücklicherweise zumindest der fachliche Background vorhanden. Aber auch in der Konstellation wäre es ratsam, wenn zwischen Coachee und Coach/ Therapeut transparent kommuniziert wird, in welchen Bereich man sich gerade befindet.
Nicht jeder Mensch, der einen Therapiebedarf hat, will von Dir therapiert werden. Vielleicht braucht er von Dir als Coach nur Begleitung in einem speziellen Bereich, z.B. ein Karrierecoaching.
Die Behandlung vorhandener psychischer oder physischer Probleme übernimmt bitte jemand anderes.
Ich appelliere hier an die Offenheit und Transparenz des Coaches.
Mit Schrecken – und ich hoffe aber, das ist eher die Ausnahme von der Regel – habe ich in verschiedenen Berichten und Podcasts Kenntnis erlangt über haarsträubende Methoden, die Menschen empowern, befreien oder was auch immer sollen. Selbsternannte Coaches, die in ihrem Tun eher als (destruktive) Manipulatoren bezeichnet werden könnten, erschaffen sich ein System, in dem Coachees oder vielmehr deren Opfer sich in deren Abhängigkeit begeben. Sie zahlen viel Geld, sie geben sich schädlichen und übergriffigen Methoden hin – in der Hoffnung, sich selbst zu optimieren.
Um hier klar zu bleiben: das sind keine Coaches!!! Dieser Begriff hat bereits echt gelitten.
Wenn ihr eine Idee für eine treffende Berufsbezeichnung habt für diese Nicht-Coaches, lasst es mich gern wissen.
Ich kreiere hier mal ein Beispiel zum besseren Verständnis, in abgewandelten Formen hat es all das schon gegeben.
Ein Mensch – vielleicht noch in den Zwanzigern, gerade die Ausbildung beendet landet in der Arbeitswelt. Vielleicht ist dieser Mensch eher zurückhaltend, fühlt sich seinen Kolleg:innen in Stärke und Wissen vielleicht noch nicht gewachsen, steht unter Druck, möchte leisten.
Und dann überlegt sich dieser Mensch: Mir fehlt es an Selbstbewusstsein.
Er sieht, wie andere für sich einstehen, wie sie schlagfertig durch anspruchsvolle Situationen gehen. Und dieser Mensch wünscht sich eines: Selbstbewusstsein
Und er findet die Lösung! Denn irgendwo in der digitalen Welt haben andere bereits eine Lösung parat. Schnell, effektiv. Und glücklicherweise gibt es ein kostenloses Webinar. Ganz unverbindlich natürlich.
Die Ergebnisse, die einige ehemalige Teilnehmer dort präsentieren sind überwältigend.
Aschenputtel funktioniert noch immer.
Das ist Marketing. Storytelling.
Und dann passiert das: Du kaufst. Und Du gibst richtig viel Geld dafür aus!
Versteht mich nicht falsch.
Diese Art von Marketing oder von Verkauf ist nicht neu. Und sie funktioniert. Sie ist auch völlig ok, wenn sie in einem Rahmen stattfindet, der fair und transparent ist. Wenn es nicht funktioniert, hast Du im schlimmsten Fall viel Geld verloren. Im besten Fall konntest Du wirklich was für Dich gewinnen.
Coaching ist es trotzdem nicht in meinen Augen. Es ist eine Präsentation von Lösungen, die selten individuell sind. Sie berücksichtigen nicht Deine persönliche Lage, Dein Wesen, Deine inneren Herausforderungen.
Und eines tun sie niemals. Sie Fragen Dich nichts – sie erzählen Dir was Du willst. Und das tun sie sehr glaubhaft.
Aber was passiert, wenn dieser Trainer nicht nur etwas am Thema vorbei „coacht“?
Was, wenn er oder sie Dich in eine Abhängigkeit bringt und Dir ernsthaft schadet?
Es braucht dazu mitunter nicht viel, um ein Täter-Opfer-Gefüge zu erstellen. Der Täter könnte jemand sein mit einem gewissen Geltungsdrang, vielleicht charismatisch, kann sich gut verkaufen, selbst wenn er nur Quatsch von sich gibt, leichte narzisstische Züge könnte man eventuell beobachten. Dieser Täter ist für gewöhnlich ein Blender.
Der Kunde? Braucht eigentlich nur einen schwachen Moment, eine Krise, die möglicherweise sogar normal ist im Prozess des Sich-Findens. Noch schlimmer ist es, wenn eine handfeste Krise vorliegt oder gar etwas, das wirklich eher in eine therapeutische Umgebung gehört.
Was passiert? Es entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis, das selten auf Augenhöhe stattfindet. Eine Person führt und manipuliert, eine andere Person lässt es geschehen.
Manipulation kann jeden von uns treffen! Bitte kein „Mir kann das nicht passieren“.
Die Abhängigkeit, die dort entstehen kann ist katastrophal. Schaut euch in diesem Zusammenhang gern einmal an, wie Sekten funktionieren. Da sind wir an mancher Stelle gar nicht so weit entfernt.
Zum Begriff Sekte einmal kurz: das ist kein wissenschaftlicher Begriff.
Ich verwende ihn hier, um Dir klarzumachen in welche Geschmacksrichtung es hier gehen kann. Zum Thema selbst gibt es einige andere ganz wunderbare Menschen, die gut und inhaltlich sehr umfangreich aufklären.
Ich möchte euch hier abschließend nur ein paar Dinge mitgeben, die mir persönlich wichtig sind:
- hört auf eure Intuition und auf euer Bauchgefühl – und lasst es euch auch nicht nehmen! Ihr kennt euch am besten.
- setzt und wahrt Grenzen. Ein Nein ist ein Nein. Das gilt auch hier! Wenn ihr ein schlechtes Gefühl habt und eure Grenzen nicht gewahrt werden, dann nehmt euch selbst ernst. Es gibt Leute, die sind extrem gut darin, euch davon zu überzeugen, dass eure Grenzen vermeintlich falsch sind. Das sind sie meistens nicht.
- Probiert euch gerne aus. Sobald es euch nicht mehr gut tut, läuft was falsch. Und ein seriöser Coach ist offen dafür, das mit euch auf Augenhöhe und wertschätzend zu besprechen. Und er gibt euch die Möglichkeit, ein Coaching zu unterbrechen. (Ein „Du musst da durch, um zu heilen o.ä. gibt es im Coachingrahmen nicht. Dazu ist der Coach nicht ausgebildet.)
- Die Zusammenarbeit von Coach und Coachee ist respektvoll. Keiner zwingt euch dazu, weiterzumachen, wenn ihr darunter leidet.
- Erstgespräche sind mindestens erforderlich, um zu sehen, ob ihr gemeinsam arbeiten könnt.
- Seid wachsam.
Ich wünsche euch von Herzen alles Gute.

